Vor gut drei Jahrzehnten zerbrach das kommunistische System. Die Sowjetunion löste sich auf und in Zentral-, Ost- und Balkaneuropa entstanden neue unabhängige Staaten, die sich am Vorbild westlicher Demokratien orientierten und die Marktwirtschaft einführten. Der Umbruch verlief zumeist friedlich. Doch die tiefen Spuren sind bis heute auszumachen. Dass dies in besonderer Weise für den Bereich der politischen Kommunikation gilt, zeigen Dr. Martina Berrocal und Dr. Aleksandra Salamurović von der Friedrich-Schiller-Universität Jena in ihrer neuen Publikation „Political Discourse in Central, Eastern and Balkan Europe“. Die beiden Slawistinnen führen in dem Sammelband insgesamt neun Beiträge zusammen, die sich mit der Analyse politischer Sprache in Russland, Polen, Tschechien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina und Nordmazedonien befassen.

Wie Ideologie und ihr Zerfall die Sprache prägen

„All diese Länder verbindet die historische Erfahrung mit dem Kommunismus wie auch mit dem Zerfall dieser Ideologie“, sagt Aleksandra Salamurović. „Wir sind der Frage nachgegangen, wie diese Ereignisse die Formen und Inhalte öffentlicher Kommunikation geprägt haben und immer noch prägen.“ Antworten auf diese Frage finden sich beispielsweise in einem Aufsatz über die politische Debatte über das Massaker von Katyn. Dabei wurden während des Zweiten Weltkriegs 21.000 polnische Gefangene durch den sowjetischen Inlandsgeheimdienst NKVD hingerichtet. Während das Massaker in der Zeit der Sowjetunion vertuscht wurde, existieren heute verschiedene Bewertungen der Vergangenheit, die in der Sprache zum Ausdruck kommen: So ist in der russischen Politik entweder von „tragedija“ (Tragödie) oder, weniger beschönigend, von „prestuplenie“ (Verbrechen), manchmal sogar von „zlodejanie“ (Gräueltat) die Rede.

Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Andere Beiträge des Sammelbands behandeln verschiedene Höflichkeitsformen, derer sich polnische Parlamentsabgeordnete in politischen Fragerunden bedienen oder Strategien rhetorischer Delegitimierung, die im tschechischen Parlament zum Einsatz kommen. In ihrer Gesamtheit zeigen die neun Beiträge des Sammelbandes, dass die slawischen Länder hinsichtlich der politischen Kommunikation keine homogene Einheit bilden: Während etwa in Polen und Tschechien das Interesse am institutionellen Diskurs überwiegt, sind in den drei südslawischen Ländern Kroatien, Bosnien-Herzegowina und Nordmazedonien Fragen der Erinnerungskultur und der kollektiven Identität von größerer Bedeutung.

Dr. Aleksandra Salamurović (r.) und Dr. Martina Berrocal mit ihrem neuen Buch. (Foto: Anne Günther/FSU)

Dr. Aleksandra Salamurović (r.) und Dr. Martina Berrocal mit ihrem neuen Buch.

(Foto: Anne Günther/FSU)

Gleichwohl gibt es auch sprachliche Gemeinsamkeiten: In Parlamentsdebatten nutzen Politikerinnen und Politiker in den sechs untersuchten Ländern häufig direkte Zitate, die aus literarischen Texten stammen oder auf historische Ereignisse Bezug nehmen. Auf diese Weise versuchen sie, entweder die eigene Position zu stärken oder auf Distanz zum politischen Gegner zu gehen. Des Weiteren dominiert das Personalpronomen „wir“ die politische Rede, welches den Kollektivgedanken gegenüber dem Individuellen in den Vordergrund stellen soll. „Der Leitgedanke, der dem Sammelband zugrunde liegt, ist, dass Sprache das wichtigste Kommunikationsmittel in der sozialen Interaktion darstellt“, sagt Martina Berrocal. „Eine umfassende linguistische Analyse trägt dazu bei, dass sprachliche Diskurse in ihrer ganzen Komplexität verstanden und kritisch hinterfragt werden können – auch bei brisanten politischen Themen wie Populismus, Autoritarismus oder Migration.“

Die Idee für das Buch entstand während des Workshops „Language in Politics in Slavic Speaking Countries“, der im Mai 2015 in Jena stattfand. Der Workshop wurde vom Vizepräsidium für Forschung und der Graduierten-Akademie der Universität Jena sowie vom Alexander-Brückner-Zentrum für Polenstudien finanziell unterstützt.

Original-Publikation:

Berrocal, Martina & Aleksandra Salamurović (eds). 2019. Political Discourse in Central, Eastern and Balkan Europe. Amsterdam: John Benjamins.

Info, FSU JENA // Axel Burchardt

 

25.02.2020